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Meine Damen, meine Herren, Freundinnen und Freunde von Kunst, Design, Ästhetik, Musik, Schicksalsgläubige und Schicksalsgefährten, zumindest für heute Abend,

wir sind am richtigen Wochentag, Freitag, und kalendarisch doch einen Tag zu spät zusammengekommen um die Geburt des jüngsten Kindes der Akademischen Mitteilungen der ABK Stuttgart mit dem terminologisch artverwandten und ohne Einschränkung in die heutige Zeit passenden Vornamen AM13, Nachnahme „Schicksal“, zu verkünden. Es ist da, das Schicksalskompendium der freudestrahlenden Eltern Bärbel Bosch-Ernst und Riccarda Doleschel, mit einer über dem Durchschnitt liegenden Gewichtigkeit, stolzem Umfang, kaum wenige Tage alt und schon prall gefüllt an Klugheit, Wissen und Weisheiten, die der gemeine Schwabe, wie man landläufig hört, im Durchschnitt erst mit 40 Jahren erreicht. Und das Beste daran: dieses Kind AM13 ist kein Einzelkind, sondern der einzigartige Fall von Zweitausendlingen, die die erschöpften Eltern nun verständlicherweise zur Adoption freigeben, gegen einen auffällig geringen Adoptionsbeitrag, der die äußerst kostspielige Schwangerschaft und vor allem Geburt auffangen soll, damit AM13 nicht auch noch ein Teil der Finanzkrise wird, die schicksalshaft und insbesondere für die Finanzwelt so überraschend wie das Weihnachtsfest oder der Neujahrstag nach 365 alten Tagen gekommen ist. Wenn die Eltern auch nur geahnt hätten, worauf sie sich einlassen, wer weiß, ob das schon auf den ersten Blick vielgestaltige, ansehnlich wohlgeformte Kind das Licht der Welt erblickt hätte.
Aber so ist das mit dem Schicksal. Der Zufall kommt in der Zahl 13 auf einen, ein gedankliches Feuerwerk wird gezündet, und schon steckt man mittendrin, wird überrollt. Auf der anderen Seite ist es die schnöde Notwendigkeit, die der einst schicksalshaft oder auch nicht eingeschlagene eigene Lebensweg fordert, einen weiteren Abschnitt desselben an der ABK Stuttgart zu beenden.
Heureka, rief einst Archimedes von Syrakus nach seiner Entdeckung der Dichtebestimmung eines Körpers durch dessen Auftriebskräfte aus und setzte damit den sprachlich nicht zu übertreffenden Maßstab von Freude nach gelungener Lösung einer schweren Aufgabe. Ein Heureka von Bärbel und Riccarda, verbunden mit einem Dank an alle beteiligten Geburtshelferinnen und –helfer. Wer bei der 13. Ausgabe der AM sich der Thematik des Schicksals annimmt, kann ohne jeden Zweifel ein Heureka,in diesem Fall: „wir haben es gefunden“ ausrufen. Das Thema ist bei dieser Zahl so naheliegend und dennoch muss man erst einmal darauf kommen. Und es ist absolut aktuell. Denn gerade in diesen Tagen – schon wieder Finanzkrise, vielleicht Wirtschaftskrise, für Viele womöglich Lebenskrise und Existenzangst – ist der Schicksalsbegriff in all seinen geradezu unendlichen Facetten präsenter denn je. Die Koinzidenz der selbst durch Fachleute unerklärlichen Ereignisse, von denen Unzählige betroffen sind, führt zu der typischen Fragestellung der Schicksalsgläubigen (also der Mehrheit der Menschen):
Warum gerade ich? Ich hab doch nichts getan. Und schon hätten wir die lexikalische Definition von Schicksal: etwas, was einem ohne menschliches Zutun widerfährt, was bei den gerade tobenden Krisen allerdings nicht ganz zutrifft. Meist hat Schicksal dabei die Färbung ins Bedrohliche, wenn der Schicksalsschlag trifft oder von der unheimlichen Begegnung der dritten Art das Wohl und Wehe der Menschheit abhängt. Doch Schicksal kann es auch gut mit einem meinen, wobei gut wie immer eine Frage des Standpunktes ist. Der Lottogewinner fühlt sich oft im Zwiespalt zwischen altem und neuem Leben, Geld macht nicht glücklich, hat er gehört. Den Gläubigen ficht derartiges nicht an, sein Schicksal ist im Glaubensglück begründet, in dem selbst die Zahl 13 – Jesus und die 12 Jünger - für ihn eine positive Bedeutung hat. Und wer kennt sie nicht, die schicksalhaften negativen wie positiven Begegnungen, die unser Leben bestimmen und unübersehbar zahlreiche literarische Ergüsse hervorgebracht haben, auf 100 Seiten und mehr, wenn Scarlett O‘Hara vom Winde verweht, mit Doktor Schiwago bei Effie Briest auftrifft und in den Sternstunden der Bedeutungslosigkeit eines Rocko Schamoni endet. Vielleicht widerfährt Ihnen heute Abend eine solche schicksalhafte Begegnung. Wollen wir hoffen, eine positive. Seien Sie wachsam, befragen Sie ein Orakel – das bekannteste und angeblich treffsicherste, jenes von Delphi, steht allerdings nicht mehr zur Verfügung. Da müssen Sie sich selbst umtun oder aber ein AM13 adoptieren. Würfeln Sie – iacta alea est – der Würfel ist geworfen – und schon ist nicht nur Cäsars sondern auch Ihr Schicksal in Gang gesetzt. Lassen Sie Handlesen, setzen Sie Ihren Talisman ein, studieren Sie Ihr Horoskop, suchen Sie Rat bei Astro-TV. Es wird Ihnen geholfen, Ihr Schicksal zu meistern.
Das alles führt nun unmittelbar zu einer entscheidenden Frage: Sind Sie abergläubisch? Das ist jener Glaube, von dem Johann Wolfgang von Goethe ausgerechnet in seiner Farbenlehre sagte, dass er nur falsche Mittel ergreift, um ein wahres Bedürfnis zu befriedigen. Ihm begegnen wir in vielerlei Tiergestalt – nicht heute hier, also keine Furcht – etwa der des Raben, der sich der Legende nach vom bunten Paradiesvogel zum Unglücksüberbringer gewandelt hat, als der er auch heute noch vielfach wahrgenommen wird. Und es gibt die schwarze Katze, deren Aberglaubenswirkung zumindest Max O’Rell relativiert: „Ob eine schwarze Katze Glück oder Unglück bringt, hängt davon ab, ob man eine Maus oder ein Mensch ist.“
Und schließlich ist sie da wieder, die Zahl 13 – die im Übrigen sowohl Unglückszahl als auch Glückszahl sein kann. Auch sie ist eng verbunden mit dem Aberglauben, dem 66% der für AM13 Befragten 534 Personen zwischen 15 und 83 Jahren wenig, 29% aber mehr und immerhin 5% sehr zuneigen.
Dabei überwiegt bei der Zahl 13 die schicksalhaft negative Bedeutung erst seit dem 17. Jahrhundert und hat sich nicht nur als „Freitag der 13.“ in den Köpfen festgesetzt, der übrigens erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine unheilvolle Note bekam. So fehlt einer Untersuchung zufolge in ca. 40% der amerikanischen Wolkenkratzer die 13. Etage – d.h. die 13. Etage ist baulich selbstverständlich vorhanden, trägt aber die Nr. 14. Wenn’s hilft, dem bösen Schicksal zu entrinnen, so man denn ernsthaft daran glaubt, ist dies ein kleiner Schritt in der Zahlenkosmetik und ein großer Schritt für die Menschheit.
Der Schauspieler Fritz Muliar, meiner Generation noch als die Ideal-Verkörperung des schlitzohrigen braven Soldaten Schwejk aus Jaroslav Haseks gleichnamigen antimilitaristisch-satirischen Roman bekannt, hat seinen ganz eigenen Blick auf die 13 und den Aberglauben: „Mit dem Aberglauben ist es auch so eine Sache. Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der sein 13. Monatsgehalt zurückgegeben hätte.“
So ist es dann auch wieder. Und wenn Sie das jüngste Kind AM13 Ihr eigen nennen werden, was ohne jeden Zweifel heute Abend geschehen wird – das Schicksal will es so und Sie auch, Sie werden in diesem Fall Ihr Schicksal in die eigenen Händen nehmen - , werden Sie sich sicherlich von keinem der 13 Teile von AM13 trennen und am allerwenigsten von 13/13. Denn um mit Fritz Muliar zu sprechen: wer gibt schon 13/13 zurück, wenn er für umme – Übersetzung für Nicht-Regionalisierte: für umsonst – ein echtes Rubbellos von Texas Rubbel Poker in seinen Händen hält und diese Gratisprobe Schicksal Ihr Leben verändern kann.
AM13 hält in 13 Partien aber noch mehr für Sie bereit: wissenschaftliche Abhandlungen zur Resilienz – der Immunität gegen das Schicksal, zur Zwillingsforschung, zur Transsexualität, zum sogenannten Ziegenproblem; Philosophische Betrachtungen zu Gerechtigkeit und Schicksal, zum Glauben und Aberglauben; das kunstvolle Unikat eines aleatorischen Kleckses, die Orakelbox, Fortunas Grüße und die Zeitung für Skurriles, Zufälliges und Unglaubliches, aber auch die Symbolbilder schicksalhafter Lebensbeendigung an unseren Straßen.
Jedes Teil von AM13 Schicksal ist nicht nur Fundus für den Geist, von ernsthaft bis humoristisch, sondern auch einer für die Hände, die sich dem haptischen Erleben unterschiedlicher Oberflächen hingeben können, und einer für das Auge. Dieses findet umfängliches Futter an wohlgestalteter Schrift-, Bild-, - Illustrationskombinatorik, deren Vielfalt der thematischen Erfordernis Rechnung trägt und sich zugleich zu einem äußerst gelungenen Gesamten fügt, ausnahmsweise nicht schicksalsbedingt, sondern gewollt, ein Augengenuss. Daran hat, wie ich vermute, auch der Spiritus Rector der Akademischen Mitteilung, der seit 1997 bestehenden studentischen Magazinreihe der Fachgruppe Design, wie das Kind fachterminologisch benannt wird, Herr Prof. Hans-Georg Pospischil seine Freude. Denn schließlich hat er in den Erzeugerinnen dieses Kindes Garanten für eine überraschende, hintergründige, innovative und intelligente dreizehnte Ausgabe gesehen. Das Ergebnis gibt ihm recht, das auch eine überraschende Form von Magazin anbietet.
AM13 ist zudem bereits gut gewickelt, ein nicht unerheblicher Vorteil, wenn Sie gleich ein AM13 mitnehmen werden. Das Schicksal, ihr Schicksal will es so.
Nach trocknen Worten nun aber Feier frei für die bislang nicht angesprochenen Sinne mit Geruch, Geschmack und Gehör, mit Trinken und Musik von der La-Boum-Band?
Ein schicksalhafter Abend nimmt jetzt jedenfalls für jeden von Ihnen seinen Lauf. Na dann, viel Glück.

© Otto Pannewitz, 2008